DDR-Grenze verhinderte rechtzeitigen Feuerwehreinsatz

Vor 60 Jahren brannte in Ellrich-Juliushütte die Holzmehlfabrik ab. Ellricher Feuerwehr durfte nicht ohne Weiteres helfen

Von Kristin Müller

Ellrich. Gegen 9.30 Uhr ertönen am 4. August 1955 in Walkenried und Braunlage die Sirenen: Die Holzmehlfabrik in Juliushütte steht in Flammen, vermutlich ist es wegen eines schadhaften Schornsteins zum Funkenflug gekommen.

Auch die Ellricher Feuerwehr wird sofort alarmiert, nur Bahnschienen trennen ihre Stadt vom Einsatzort. Eigentlich. Faktisch gehört Juliushütte in eine andere Welt in Zeiten des Kalten Krieges: Seit Sommer 1952 macht ein Zaun zwischen Ellrich und Juliushütte den Grenzübertritt unmöglich.

Also müssen auch die Feuerwehrleute aus Ellrich zwar einsatzbereit, aber machtlos zusehen, wie die Fabrik ein Opfer der Flammen wird. Erst nach 11 Uhr wird sich das Eisenbahngrenztor öffnen, dürfen sie eingreifen.

Erst musste die Erlaubnis von höherer Stelle aus Erfurt eingeholt werden. Als diese kam, war es zum Löschen längst zu spät , erklärte Stefan Zimmermann, Leiter des Ellricher Feuerwehrmuseums, am Dienstagabend bei einem Treffen von 39 Ellricher und Walkenrieder Feuerwehrleuten und historisch Interessierten aus Anlass des Einsatzes vor 60 Jahren.

Schon ehe die Freiwillige Feuerwehr Walkenried und die Wehr der dortigen Seifenfabrik Genzel ankommt, sind die Fabrik, das sogenannte Hochhaus und mehrere Nebengebäude abgebrannt. Mit Mühe retten die Feuerwehrleute ab 11 Uhr mit Unterstützung ihrer Ellricher Kollegen  das vor der Fabrik stehende Wohnhaus. Am Ende steht ein Sachschaden von rund 300 000 DM, ist etwa ein halbes Dutzend Familien obdachlos geworden.

Bevor der Grenzzaun wieder verschlossen wird, nutzen einige Ellricher Feuerwehrleute noch den Einsatz, um Verwandte in Walkenried zu besuchen.

Vielleicht, meint Stefan Zimmermann, hätte die Ellricher Feuerwehr einen Teil der Fabrik und der Nebenhäuser retten können. Vielleicht.

Vielleicht gäbe es dann auch noch die früheren Häftlingsunterkünfte des von den Nationalsozialisten hier eingerichteten KZ-Außenlagers, wäre das Grauen von einst an der heutigen Gedenkstätte greifbarer.

Doch es kam anders: Mit dem Umzug der Holzmehlfabrik Trinks in die früheren Schickertwerke Walkenried kurz nach dem Großbrand ziehen viele der 25 Juliushütter Familien nach Bad Lauterberg. Juliushütte wurde zum trostlosen, aussterbenden Ort , so Zimmermann.

In den 1960er-Jahren ist Juliushütte nur noch ein Schandfleck an der Zonengrenze, den es zu beseitigen gilt: 1964 rücken Pioniereinheiten des Bundesgrenzschutzes an und sprengen die noch erhaltenen Gebäude. Diesen Arbeiten fallen auch besagte Häftlingsunterkünfte und das weitgehend erhaltene Krematorium zum Opfer. Dessen Überreste schieben nach der Sprengung Planierraupen in einen Erdfall. Später wird das Areal zum Naturschutzgebiet erklärt, und erst nach der Wende wird es wieder vollständig zugänglich.

Die Ellricher Bürger erfuhren vom Großbrand kurz hinter der Staatsgrenze vor 60 Jahren auch aus der Zeitung, doch wurde dieser propagandistisch missbraucht: Die Ellricher Feuerwehr, ist im „Volk“ vom 17. August 1955 zu lesen, sei innerhalb kürzester Zeit angerückt. Die Fabrik sei niedergebrannt, da dem vorbeugenden Brandschutz in Westdeutschland nicht die gleiche Bedeutung wie bei uns geschenkt wird .

Beim Treffen am Dienstagabend von Feuerwehrleuten aus Ellrich und Walkenried schaute man nicht nur gemeinsam alte Fotos und einen Film über den Brand an, lauschte Zeitzeuge Artur Buchmann (85). Auch schaute man sich Juliushütte gemeinsam an. Als einziges Gebäudes des früheren KZ-Lagers steht noch ein Turm der Trafostation, heute bewohnt von Fledermäusen.

Quelle: Thüringer Allgemeine